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Infor­ma­tionen zur Ausschrei­bung

Von Studie­renden für Studie­rende

Inter­view zum Campus³-Preis für die Hoch­schul­ar­chi­tektur der Zukunft

Auch 2021 vergibt die rheform – Entwick­lungs­Ma­nage­ment GmbH wieder in Koope­ra­ti­onmit der Archi­tek­tur­fach­zeit­schrift Bauwelt und dem Deut­schen Hoch­schul­ver­band (DHV) den campus³-Preis für die visio­näre bauliche Weiter­ent­wick­lung von Hoch­schulen. Ausge­zeichnet werden Konzepte, die vorbild­lich zeigen, wie gute, flexibel nutz­bare Archi­tektur in Zukunft das Forschen, Lehren und Lernen an Hoch­schulen voran­bringen kann.

Joachim Heintze ist Geschäfts­füh­render Gesell­schafter und Gründer der rheform GmbH. Im Inter­view erläu­tert er, warum Arbeiten auf diesem Gebiet wichtig sind, welche Krite­rien bei der Preis­ver­gabe eine Rolle spielen und welche Vision er persön­lich von der Hoch­schule der Zukunft hat.

Was möchten Sie mit dem Preis errei­chen?

Uns geht es vor allem darum, Impulse für die Arbeits- und Lern­welten der Zukunft zu setzen, in denen die Bedürf­nisse von Menschen und Orga­ni­sa­tionen im Zentrum stehen.

Bis heute lautet der Glau­bens­grund­satz moderner Archi­tektur „form follows func­tion“. Die Beschrei­bung der Funk­tion – was eine wich­tige Vorar­beit ist! – kommt dabei jedoch häufig zu kurz. Wie aber soll die Form der Funk­tion folgen, wenn die Funk­tion nicht umfas­send geklärt ist? Wir haben in unserem Bera­tungs­alltag die Erfah­rung gemacht, dass ein voll­stän­diges, gut abge­stimmtes Funk­ti­ons­pro­gramm die Voraus­set­zung für erfolg­reiche Umstruk­tu­rie­rungen und Baumaß­nahmen ist. Im Wesent­li­chen zielt dieses Vorgehen auf die Beant­wor­tung der Frage: Wie muss ein Gebäude konzi­piert sein, damit eine Orga­ni­sa­tion oder Insti­tu­tion ihre Ziele best­mög­lich erreicht?

Funk­ti­ons­pro­gramm als Erfolgs­faktor

Zu diesem Zweck muss man erst einmal die Arbeits­weisen und Prozesse kennen, also wissen, wie und mit welcher Tech­no­logie die Menschen dieser Orga­ni­sa­tion ihre Ziele errei­chen und welche Formen des Zusam­men­ar­bei­tens und der Kommu­ni­ka­tion dafür aktuell exis­tieren. Ist der Status quo geklärt, wird es noch einmal inter­es­sant, denn dann gilt es in einem nächsten Schritt, den Blick in die Zukunft zu richten und zu über­legen, wie sich diese Arbeits­weisen und Prozesse weiter entwi­ckeln könnten – ange­sichts des drama­ti­schen tech­no­lo­gi­schen Wandels, den wir gerade alle durch­leben. Schließ­lich will und kann man sich nicht alle paar Jahre räum­lich verän­dern.

Die Suche nach Antworten auf diese Fragen finde ich immer wieder aufs Neue hoch­span­nend, denn im Zuge der weit­rei­chenden Trans­for­ma­tion gibt es in vielen Berei­chen keine verbind­li­chen Aussagen in Hinblick auf die Zukunft, doch überall sind die Verant­wort­li­chen dazu aufge­for­dert, perspek­ti­visch zu handeln.

Mit dem Preis möchten wir Studie­rende der baufach­li­chen Diszi­plinen für diese Fragen sensi­bi­li­sieren, sie zum Nach­denken und Disku­tieren bringen und eine krea­tive Ausein­an­der­set­zung mit einem äußerst rele­vanten Thema in Gang setzen.

Warum bieten sich gerade Wissen­schafts­bauten für eine visio­näre Betrach­tung an?

Die Wissen­schaften waren selbst immer schon Vorreiter, Nutzer und Treiber von Entwick­lungen. Deshalb verän­dern sich im Zuge der viel­fäl­tigen Trans­for­ma­ti­ons­pro­zesse auch die funk­tio­nalen Anfor­de­rungen an den Raum äußerst dyna­misch. Flexi­bi­lität ist also das Gebot der Stunde, mit allen Konse­quenzen für den Hoch­schulbau, der vor diesem Hinter­grund vor ganz beson­deren Heraus­for­de­rungen steht. So soll sich der Lebens­zy­klus eines Gebäudes über 50 Jahre erstre­cken, doch allein auf die Frage, wie Menschen in zehn Jahren an Hoch­schulen forschen, lehren und lernen, gibt es nur vage Antworten. Die Digi­ta­li­sie­rung, neue Mate­ria­lien und Medien, agile Arbeits­me­thoden und zuneh­mend mehr Teil­nehmer und Tempo in der globalen Wissen­schafts­welt beein­flussen schließ­lich auch die Anfor­de­rungen an Räume, in denen Menschen Wissen gene­rieren und austau­schen.

Ein Muss: flexible Lösungen

Ich begreife es als eine Aufgabe der baufach­li­chen Diszi­plinen, auf diesem Gebiet Szena­rien poten­zi­eller Entwick­lungen aufzu­stellen, dafür eine Viel­falt an flexi­blen Lösungen zu erar­beiten und diese nutzer- und bedarfs­ge­recht einzu­setzen. Mehr denn je sind Wissen­schafts­bauten auf visio­näre Lösungen ange­wiesen, in denen der Raum den sich verän­dernden funk­tio­nalen Anfor­de­rungen gerecht wird – nicht nur aktuell, sondern auch perspek­ti­visch. Dabei muss man sich über eines im Klaren sein: Niemand von uns kann verläss­liche Prognosen erstellen oder verbind­liche Garan­tien dafür abgeben, wohin die Reise geht. Aus diesem Grund ist Flexi­bi­lität gerade in der Hoch­schul­ar­chi­tektur eine elemen­tare Grund­lage, denn wir müssen immer damit rechnen, dass es anders kommt, als man denkt.

Wofür steht die Drei im „campus³-Preis“?

Als wir im Vorfeld über das Profil des Preises nach­dachten, fielen uns verschie­dene „Drei­klänge“ auf, die sich regel­recht als Namens­er­gän­zung aufdrängten.

Zunächst einmal geht es bei dem Preis darum, dass sich die Bewer­be­rinnen und Bewerber mit realen und nicht mit virtu­ellen Räumen beschäf­tigen, wenn­gleich die neuen virtu­ellen Räume vermehrt Einfluss auf Archi­tektur und Städ­tebau haben. Dennoch findet Archi­tektur vorrangig im Raum statt und Raum ist drei­di­men­sional.

Denkt man den Raum­be­griff weiter, so stößt man auf die drei Maßstäbe der räum­li­chen Betrach­tung: Städ­tebau, Archi­tektur und Innen­ar­chi­tektur. Diese Räume müssen gestaltet werden. Daraus ergibt sich der nächste Drei­klang, nämlich Vision, Funk­tion und Raum. Zunächst braucht es nämlich eine Vision für die Aufgabe, dann eine solide Ausar­bei­tung der funk­tio­nalen Anfor­de­rungen und schließ­lich die Gestal­tung des Raums, der dieses Funk­ti­ons­pro­gramm baulich umsetzt.

Welche Krite­rien gehen vor allem in die Bewer­tung ein?

Was uns vor allem inter­es­siert, ist eine über­zeu­gende Vision davon, wie Forschen, Lehren und Lernen nach Ansicht der Teil­neh­me­rinnen und Teil­nehmer in der Zukunft aussehen kann. Das Konzept sollte darauf aufbauend schlüs­sige Antworten auf die Frage liefern, wie sich diese Szena­rien auf den Aspekt der Funk­tion auswirken, also wie Forschen, Lehren und Lernen in der Zukunft „funk­tio­niert“ und mit welcher Gestal­tung es gelingt, räum­lich dafür best­mög­liche Lösungen anzu­bieten – heute und in Zukunft.

Was macht den Preis beson­ders?

Was den Preis beson­ders hervor­hebt, ist die Bühne, die unser Partner, das Archi­tek­tur­fach­ma­gazin Bauwelt, den Gewin­nern bietet. Die Preis­ver­lei­hung findet im Rahmen des Bauwelt­kon­gresses in Berlin statt. Diese Veran­stal­tung zählt zu den wich­tigen Kongressen für Archi­tekten. Das Sieger­kon­zept wird außerdem im Rahmen eines Nach­be­richts in einer der darauf­fol­genden Bauwelt-Ausgaben vorge­stellt. Auf diese Weise errei­chen die Best­plat­zierten ein großes Fach­pu­blikum, was für Studie­rende auf dem Weg in den Berufs­ein­stieg sicher eine inter­es­sante Chance ist.

Welche Vision haben Sie persön­lich von der Hoch­schule der Zukunft?

Ich stelle mir Hoch­schulen als kraft­volle Begeg­nungs­orte vor, wo es für Menschen und Tech­no­lo­gien die best­mög­li­chen Voraus­set­zungen gibt, um unsere Kultur zu bewahren und die Heraus­for­de­rungen unserer Zeit und Zukunft zu lösen. Diese Idee verbinde ich mit dem berech­tigten Anspruch auf Nach­hal­tig­keit, denn es darf nicht sein, dass Räume und Gebäude nur auf aktu­elle Anfor­de­rungen hin geplant werden und nach wenigen Jahren nicht mehr funk­tio­nieren.

Ich glaube nicht, dass wir jemals auf die direkte Inter­ak­tion und das persön­liche Ringen um die besten Lösungen für Probleme verzichten können. Der Blick in die Geschichte zeigt: Jede Zeit hatte ihre Orte und ihre Räume, die Menschen dazu inspi­rierten, Gedanken zu entwi­ckeln und mit anderen zu teilen. Bei allem Wandel: Was bleibt, sind die mensch­li­chen Bedürf­nisse, das soziale Mitein­ander, der Dialog, der Austausch, der Diskurs – und Kommu­ni­ka­tion ist die Grund­lage der Inno­va­tion. Das müssen Räume aller Maßstäbe fördern.

Über die große Reso­nanz auf unseren Preis haben wir uns sehr gefreut und mit der Qualität der Preis­trä­ger­kon­zepte sind wir sehr zufrieden. Doch wir sind uns sicher: Da geht noch mehr. Insbe­son­dere wünschen wir uns von den Teil­neh­me­rinnen und Teil­neh­mern eine noch inten­si­vere Ausein­an­der­set­zung mit dem für uns so wich­tigen Drei­klang aus Vision, Funk­tion und Raum. Bezogen auf unseren Preis meinen wir damit eine durch­dachte Vision davon, wie die Hoch­schulen ihre Aufgaben erfüllen. Ein klug durch­dachtes Zukunfts­bild von der Funk­tion einer Hoch­schule betrachten wir nämlich als grund­le­gende Voraus­set­zung für eine wirkungs­volle und nach­hal­tige räum­liche Gestal­tung.

Aktuell bewegen wir uns noch in gewohnten Struk­turen und Räumen, doch vieles ist im Umbruch. Vieler­orts entstehen neue Formen des Lehrens und Lernens und des gemein­samen wissen­schaft­li­chen Arbei­tens. Manches davon wird sich bewähren und unser Leben weiter stark verän­dern – mit den entspre­chenden Konse­quenzen auch für die Hoch­schul­welt. Mehr und mehr Tätig­keiten verla­gern sich in den virtu­ellen Raum. Eine Entwick­lung, die die Corona-Pandemie drama­tisch beschleu­nigt hat und die neue Fragen aufwirft:

  • Welche Konse­quenzen hat diese Neujus­tie­rung für das „neue Arbeiten, Lehren und Lernen“ für die realen Räume?
  • Wie lassen sich dabei die Bedürf­nisse der Menschen noch stärker ins Zentrum der räum­li­chen Gestal­tung rücken und zwar sowohl was ihre Physis als auch ihre Emotionen betrifft?
  • Was passiert mit den realen Arbeits­werk­zeugen, zum Beispiel mit dem Kulturgut „Buch“?
  • Welche Impulse und Inno­va­tionen können wir noch aus der IT, der Neuro­logie, der Pädagogik oder anderen Wissen­schaften für die Hoch­schul­welt erwarten?
  • Und wie verän­dern diese Erkennt­nisse dann mögli­cher­weise wiederum die Art, wie wir Wissen gene­rieren, weiter­geben und verwalten?

Mit Fragen dieser Art sollten sich meiner Meinung nach nicht nur Zukunfts­for­scher ausein­an­der­setzen, sondern gerade auch die baufach­li­chen Diszi­plinen, die dieser Zukunft Raum und damit ein Zuhause geben. Unsere Idee ist es, die so wich­tige Ausein­an­der­set­zung mit den Aspekten Vision, Funk­tion und Raum noch viel mehr in die Hoch­schulen und Semi­nare zu tragen und dort das Bewusst­sein für einen stim­migen Drei­klang zu schärfen. Speziell für unseren Preis wünschen wir uns von daher eine intel­lek­tu­elle und krea­tive Ausein­an­der­set­zung mit den genannten Aspekten. Das Ergebnis dieses Denk- und Schaf­fens­pro­zesses findet sich dann am Ende nicht nur in einem über­zeu­gend gestal­teten Entwurf veran­kert, sondern auch argu­men­tativ und grafisch gut herge­leitet.

Dipl. Ing. Joachim Heintze ist Gründer und Geschäfts­füh­render Gesell­schafter der rheform GmbH. Seit 1995 ist er im Bereich Hoch­schulbau und für staat­liche Insti­tu­tionen tätig.

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