“Der Sanierungsstau ist kein Bauproblem”
Warum Struktur, Raum und Bau in der Hochschulentwicklung zusammengehören
Der Sanierungsstau an deutschen Hochschulen ist mehr als eine Frage fehlender Investitionsmittel. In ihrem Standpunkt für Table.Briefings erläutern die rheform-Geschäftsführer Joachim Heintze und Guido Benzler, warum Hochschulentwicklung, Organisationsstrukturen und räumliche Anforderungen gemeinsam betrachtet werden sollten und welche Verantwortung dabei Hochschulen und Wissenschaftspolitik tragen.

Erstveröffentlichung: Table.Briefings, 18. Juni 2026
Veröffentlichung auf rheform.de mit freundlicher Genehmigung von Table.Media.
Die Schließung des Hauptgebäudes der TU Berlin, sanierungsbedingte Einschränkungen an anderen Hochschulstandorten und die Debatte über den Zustand wissenschaftlicher Infrastruktur zeigen, wie groß der Handlungsdruck im Hochschulbau geworden ist. Der Investitionsbedarf ist seit Jahren bekannt. Dennoch kommen viele Hochschulen, genauso wie Wissenschaftseinrichtungen bei Sanierung und Modernisierung nur langsam voran.
Der Grund liegt nicht allein in fehlenden Mitteln. Der Sanierungsstau verweist auf ein tieferliegendes Problem: Verantwortung, Prioritäten und Zuständigkeiten sind im Hochschulsystem vielfach verteilt, Entscheidungsprozesse komplex und strategische Ziele nicht immer ausreichend aufeinander abgestimmt.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Gebäude. Hochschulen stehen vor der Aufgabe, wissenschaftliche Profile, Organisationsstrukturen und räumliche Anforderungen konsequent im Zusammenhang zu entwickeln. Wer über Hochschulbau spricht, muss deshalb Struktur, Raum und Bau zusammendenken. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung der aktuellen Debatte.
Gleichzeitig sind Verantwortung, Aufgaben und Zuständigkeiten im Hochschulbau auf unterschiedliche Institutionen verteilt. Nutzung, Betrieb, Planung, Bau und Finanzierung folgen häufig eigenen Zuständigkeiten, Verfahren und Finanzierungsmodellen. Zudem unterscheiden sich die Regelungen von Bundesland zu Bundesland. Es bestehen Zielkonflikte, die lange Abstimmungsprozesse mit enormen Reibungsverlusten erzeugen.
Besonders deutlich zeigt sich das im Verhältnis zwischen Hochschulen und Wissenschaftspolitik. Hochschulen sind autonom und in Forschung und Lehre grundgesetzlich geschützt. Gleichzeitig hängen ihre Handlungsspielräume unmittelbar von den finanziellen Rahmenbedingungen der Länder ab.
Genau darin liegt ein zentrales Spannungsverhältnis: Personal, Geräte, Technik und Raum werden häufig getrennt voneinander finanziert und gesteuert. Während Hochschulen Forschung und Personal aus laufenden Budgets finanzieren, werden Mittel für Raum und Bau vielfach projektbezogen, zeitlich befristet und nach anderen Kriterien bereitgestellt. Eine langfristig abgestimmte Entwicklung entsteht daraus nur begrenzt.
Die Frage lautet deshalb nicht allein, wie Hochschulen schneller sanieren können. Es geht vielmehr darum, wie Verantwortung, Entwicklungsziele und Ressourcen künftig besser aufeinander abgestimmt werden können.
Dabei kommt sowohl den Hochschulen als auch der Wissenschaftspolitik eine zentrale Rolle zu. Hochschulen müssen ihre wissenschaftlichen Profile, organisatorischen Anforderungen und räumlichen Bedarfe zusammenführen und daraus tragfähige Entwicklungsstrategien ableiten. Gleichzeitig braucht es auf politischer Ebene verlässliche finanzielle Rahmenbedingungen und eine stärkere Verbindung von Hochschulentwicklung, Ressourcensteuerung und Bauplanung. Denn die Freiheit von Forschung und Lehre entfaltet sich nicht unabhängig von den verfügbaren Ressourcen. Hochschulen können ihre Entwicklung nur innerhalb der finanziellen Spielräume gestalten, die ihnen dauerhaft zur Verfügung stehen.
Vor diesem Hintergrund bilden Wissenschaftsministerien und Hochschulleitungen zwei zentrale Verantwortungsebenen. Es reicht nicht aus, Bauprojekte administrativ zu begleiten oder zusätzliche Mittel bereitzustellen. Strategische Entscheidungen müssen gemeinsam getragen und innerhalb der Hochschulen organisatorisch umgesetzt werden. Dafür braucht es klare Verantwortlichkeiten, Planungssicherheit und die Fähigkeit, Zielkonflikte dauerhaft auszubalancieren.
Nachhaltige Entwicklung entsteht dort, wo wissenschaftliche Profile, organisatorische Anforderungen, Flächenbedarfe und finanzielle Möglichkeiten verbindlich ausgearbeitet werden. Und zwar gemeinsam mit den relevanten Wissens- und Entscheidungsträger:innen. Gerade unter begrenzten Ressourcen eröffnet diese Vorgehensweise neue Handlungsspielräume. Sie stärkt wissenschaftliche Profile, schafft neue Spielräume im Umgang mit bestehenden Infrastrukturen und hilft Hochschulen dabei, langfristig handlungsfähig zu bleiben.
Dabei ist es zweitrangig, welches Bauherren- oder Betreibermodell gewählt wird. Entscheidend ist, ob Verantwortung, strategische Ziele und Prozesse so gebündelt werden, dass Hochschulen ihre Entwicklung dauerhaft steuern können und ob es Hochschulleitungen gelingt, diese Entscheidungen nachhaltig in der Organisation zu verankern. Dafür braucht es eine klare Haltung, Kommunikationsstärke und die Fähigkeit, unterschiedliche Akteur:innen für gemeinsame Entwicklungsziele zu gewinnen.
Die Bereitschaft für dieses Umdenken wächst bereits an vielen Stellen im Hochschulsystem. Hochschulen, Wissenschaftsorganisationen, Kanzler:innen-Netzwerke sowie Akteur:innen in Politik und Verwaltung treiben die Diskussion über neue Formen von Governance, Priorisierung und Hochschulentwicklung zunehmend voran.
Darin liegt die eigentliche Chance der aktuellen Debatte. Denn die Zukunft der Hochschulen entscheidet sich nicht allein auf Baustellen. Sie entscheidet sich dort, wo Hochschulen und Wissenschaftspolitik strukturelle und räumliche Entwicklung gemeinsam verantworten und mit den verfügbaren Ressourcen dauerhaft zusammendenken.


Joachim Heintze und Guido Benzler sind geschäftsführende Gesellschafter der rheform GmbH und ihrer Tochtergesellschaften. Das Unternehmen berät und begleitet Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen bei allen Aufgaben rund um Struktur, Raum und Bau. Gemeinsam haben sie das kürzlich veröffentlichte Positionspapier „Vom Sanierungsstau zur strategischen Hochschulentwicklung“ verfasst.
PDF herunterladen
Nach Eingabe Ihrer Daten erhalten Sie eine E‑Mail mit einem Download-Link für das PDF.