Vom Sanierungsstau zur strategischen Hochschulentwicklung
Infrastrukturentscheidungen als Frage von Governance, Priorisierung und Handlungsfähigkeit
Der Sanierungsstau an Hochschulen wird zunehmend öffentlich sichtbar. Die Schließung des Hauptgebäudes der TU Berlin, sanierungsbedingte Einschränkungen an weiteren Hochschulstandorten und die wachsende öffentliche Debatte über Zustand und Zukunft wissenschaftlicher Infrastruktur markieren dabei nur die sichtbarsten Symptome einer tieferliegenden Entwicklung.
Hochschulen, Wissenschaftspolitik und Landesverwaltungen stehen unter Handlungsdruck und suchen nach Lösungen, wie sich Prozesse im Hochschulbau optimieren lassen. In mehreren Bundesländern entstehen derzeit neue Organisationsmodelle, Bauinitiativen und Abstimmungsformate. Ziel ist es, Verantwortlichkeiten neu zu ordnen, Verfahren zu beschleunigen und Investitionen strategischer auszurichten. Denn der Sanierungsstau an Hochschulen ist nicht allein ein bauliches oder finanzielles Problem. Er verweist auf grundlegende Fragen institutioneller Steuerung, strategischer Priorisierung und organisatorischer Entwicklung. Es geht darum, räumliche Entwicklung, Flächennutzung, Zusammenarbeit und institutionelle Steuerung stärker gemeinsam zu betrachten.
Entscheidungen über Infrastrukturen betreffen deshalb nicht nur Gebäude und Flächen. Sie berühren wissenschaftliche Profile, Formen der Zusammenarbeit, Ressourcennutzung und die langfristige Handlungsfähigkeit von Hochschulen.
Die aktuelle Reformdiskussion im Hochschulbau steht deshalb im Zusammenhang mit einer Neuordnung im Hochschulsystem. Sie betrifft Struktur, Raum und Bau gleichermaßen. Die Bund-Länder-Vereinbarung zur Sanierung von Hochschulen markiert dabei einen wichtigen politischen Impuls und eröffnet neue finanzielle Handlungsspielräume. Ihre eigentliche Bedeutung liegt jedoch weniger in der kurzfristigen Behebung bestehender Defizite als in der Frage, wie Hochschulen ihre infrastrukturelle Entwicklung künftig strategisch priorisieren und steuern.
Begrenzte Mittel erfordern Prioritäten
Die Bund-Länder-Vereinbarung zur Sanierung von Hochschulen verändert die Diskussion über Hochschulinfrastruktur. In der öffentlichen Debatte wird sie häufig als Instrument zur Behebung bestehender Defizite verstanden. Tatsächlich liegt ihre Bedeutung stärker in der strategischen Einordnung von Infrastrukturentscheidungen. Die bereitgestellten Mittel können den über die Jahrzehnte entstandenen Investitionsbedarf nicht beheben. Für die einzelnen Hochschulen stehen begrenzte Investitionsvolumina zur Verfügung, die angesichts der vorhandenen Bedarfe gezielt eingesetzt werden müssen.
Gerade darin liegt die eigentliche Bedeutung der Mittel: Die Vereinbarung eröffnet Handlungsspielräume und erfordert umso mehr eine klare Priorisierung, denn nicht alle Infrastrukturdefizite können gleichzeitig bearbeitet werden. Hochschulen stehen daher vor der Aufgabe, Entscheidungen zu treffen, die über den unmittelbaren Sanierungsbedarf hinausweisen und langfristige Entwicklungen berücksichtigen. Die Bund-Länder-Vereinbarung wirkt damit als Impuls zur strategischen Klärung. Hochschulen sind gefordert, Prioritäten zu bestimmen und diese in organisatorische und räumliche Entscheidungen zu übersetzen. Wichtiger als die Höhe der Mittel ist die Frage, wie gezielt sie eingesetzt werden.
Der Sanierungsstau reicht weit über Baufragen hinaus
Der Sanierungsstau an Hochschulen wird meist als Infrastrukturproblem beschrieben. Tatsächlich verweist er auf tiefgreifendere strukturelle Entwicklungen innerhalb des Hochschulsystems.
Hochschulen haben ihre Aufgaben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erweitert und zusätzliche Verantwortung übernommen. Forschung, Lehre und Transfer sind komplexer geworden, internationale Kooperationen haben zugenommen, neue Studienformate und interdisziplinäre Forschungsfelder sind entstanden.
Gleichzeitig haben sich Organisationsstrukturen und Flächennutzung vielfach nur schrittweise angepasst. Gebäude und Flächen bilden nicht nur technische Infrastruktur ab. Sie spiegeln auch institutionelle Prioritäten, organisatorische Routinen und gewachsene Zuständigkeiten wider.
Infrastrukturfragen stehen daher in engem Zusammenhang mit der strategischen Entwicklung von Hochschulen:
- Welche inhaltlichen Schwerpunkte sollen künftig im Zentrum stehen?
- Welche Veränderungen ergeben sich für Forschung, Lehre und Organisation?
- Welche Formen gemeinsamer Infrastruktur sind sinnvoll und tragfähig?
- Wie lassen sich knappe Ressourcen langfristig wirksam einsetzen?
Diese Fragen sind keine Baufragen. Sie betreffen die Priorisierung von Zielen, die Verteilung von Verantwortung und die Fähigkeit, strategische Entscheidungen institutionell zu bündeln. Hochschulleitungen, Professor:innen und Verwaltungen stehen gemeinsam vor der Aufgabe, strategische Prioritäten zu formulieren und gegenüber Politik und Landesverwaltung konsistent zu vertreten.
Erst auf dieser Grundlage gewinnen räumliche Entscheidungen ihre strategische Qualität. Gebäude, Räume und Flächen sind kein Selbstzweck. Sie sind Ausdruck struktureller Festlegungen. Sie machen sichtbar,
- welche wissenschaftlichen Profile gestärkt werden,
- welche Formen der Zusammenarbeit entstehen und
- welche Lehr‑, Lern- und Arbeitsformen unterstützt werden.
Investitionen in Raum sind damit immer auch Investitionen in Organisation und Governance. Sie zeigen, ob strategische Prioritäten innerhalb der Hochschule tatsächlich mitgetragen werden und ob es gelingt, unterschiedliche Interessen in eine gemeinsame Entwicklungsrichtung zu überführen.
Damit rücken zwei eng miteinander verknüpfte Verantwortungsebenen in den Blick:
- Innerhalb der Hochschulen stehen Hochschulleitungen, Verwaltungen und Professor:innen vor der Aufgabe, Führung, Organisation und Zuständigkeiten neu auszurichten, sodass strategische Entscheidungen im Alltag tragfähig werden.
- Zugleich wirken diese Entscheidungen unmittelbar auf das Zusammenspiel von Hochschule, Politik und Landesverwaltung, wo politische Zielsetzungen, rechtliche Vorgaben und administrative Steuerung auf die institutionelle Praxis treffen.
Verantwortung neu organisieren, Hochschulen handlungsfähig machen
Die aktuellen Reform- und Investitionsprozesse machen deutlich, wie eng Fragen der Priorisierung und der Abstimmung miteinander verknüpft sind. Entscheidungen auf Hochschulebene wirken in politische und administrative Kontexte hinein und umgekehrt. Strukturfragen lassen sich deshalb nicht isoliert innerhalb einzelner Institutionen klären.
Damit rücken grundlegende Governance-Fragen in den Mittelpunkt:
- Wie werden Verantwortung und Zuständigkeiten zwischen Hochschulleitung, Hochschulverwaltung, Landesverwaltung und Politik organisiert, verteilt und aufeinander abgestimmt?
- Wer setzt Prioritäten und bündelt Entscheidungen?
- Wie lassen sich strategische Ziele politisch und administrativ tragfähig verankern?
Hochschulleitungen, Professor:innen, Verwaltungsverantwortliche und politische Akteur:innen bringen jeweils eigene Perspektiven und Zuständigkeiten ein. Professor:innen wirken dabei nicht nur als Fachvertreter:innen, sondern auch als Mitverantwortliche für die strategische Entwicklung ihrer Hochschule.
Hochschulleitungen tragen dabei eine besondere Verantwortung. In ihrer zentralen Vermittlerfunktion wirken sie nach innen und nach außen. Sie bringen politische Zielsetzungen und administrative Rahmenbedingungen in die Organisation der Hochschule hinein und spiegeln Erfahrungen aus der Praxis in politische und administrative Kontexte zurück.
Handlungsfähig werden Hochschulen dort, wo diese Perspektiven zusammengeführt und in verbindliche Entscheidungen überführt werden – zum Wohl der Hochschulen und der Wissenschaft.
Räume schaffen neue Möglichkeiten: für Nutzung, Zusammenarbeit und Flächenorganisation
Investitionen in Gebäude, Sanierung und Infrastruktur sind unmittelbar mit der strukturellen Ausrichtung von Hochschulen verbunden. Strategische Zielsetzungen, organisatorische Strukturen und räumliche Bedarfe lassen sich deshalb kaum getrennt voneinander klären. Neue Lehr‑, Lern- und Arbeitsformen verändern die Anforderungen an Räume grundlegend. Sie betreffen unmittelbar die Arbeitsweise von Professor:innen, die in Forschung, Lehre und Gremienverantwortung zentrale Rollen einnehmen. Fragen der Flächennutzung, der Konsolidierung oder der gemeinsamen Infrastruktur und deren Nutzung und Betrieb berühren gewohnte Routinen ebenso wie institutionelle Besitzstände.
Eine nachhaltige Mittelverwendung erfordert daher mehr als bauliche Planung. Sie setzt Veränderungsbereitschaft, transparente Priorisierung und die Bereitschaft voraus, individuelle Interessen in einen strukturellen Zusammenhang zu stellen. Gemeinsam genutzte Infrastruktur, flexible Flächennutzung und sparsamere Raumkonzepte sind nicht allein technische Lösungen, sondern organisatorische Entscheidungen mit kultureller Dimension.
Raum wird damit zum sichtbaren Ergebnis gemeinsamer Strukturentscheidungen. Er zeigt, ob strategische Zielsetzungen innerhalb der Hochschule tatsächlich mitgetragen werden oder ob Widerstände strukturelle Entwicklung bremsen. Ein abgestimmter struktureller Entwicklungsplan schafft eine Grundlage, auf der sich diese Fragen offen verhandeln und im Dialog mit Ministerien und Landesverwaltung zu tragfähigen Lösungen entwickeln lassen.
Fazit: Tragfähige Entscheidungen gemeinsam entwickeln
Das Positionspapier macht deutlich: Die aktuellen Reform- und Investitionsprozesse im Hochschulbau lassen sich nicht als rein bauliche Aufgaben verstehen. Sie betreffen die strategische Ausrichtung, die Organisation und die Führung von Hochschulen.
Infrastrukturentscheidungen sind damit zugleich Struktur- und Governanceentscheidungen. Sie betreffen wissenschaftliche Profile, organisatorische Zusammenhänge und die Frage, wie Ressourcen langfristig wirksam eingesetzt werden können. Denn Gebäude und Flächen prägen Hochschulen über viele Jahre hinweg.
Die Bund-Länder-Vereinbarung zur Sanierung von Hochschulen ist Teil dieser Entwicklung, aber nicht ihr alleiniger Ausgangspunkt. In mehreren Ländern entstehen neue Organisationsmodelle, Bauinitiativen und Abstimmungsformate, zugleich prüfen Hochschulen ihre Flächennutzung, ihre Prioritäten und ihre internen Steuerungsstrukturen. Zunehmend geht es darum, wie sich strategische Ziele, organisatorische Entwicklung und räumliche Planung dauerhaft miteinander verbinden lassen.
Voraussetzung dafür ist ein strukturierter Austausch zwischen den beteiligten Akteur:innen innerhalb der Hochschulen sowie im Zusammenspiel mit Politik und Verwaltung. Erst im Dialog können unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt, Zielkonflikte geklärt und tragfähige Prioritäten entwickelt werden.
Wo dies gelingt, bewirken Investitionen in Infrastruktur mehr als die Modernisierung einzelner Gebäude. Sie schaffen die Grundlage für eine gemeinsame Vorstellung vom Campus der Zukunft und stärken die Handlungsfähigkeit von Hochschulen nachhaltig.
Hintergrund und Erfahrungskontext der Autoren Guido Benzler und Joachim Heintze
Die in diesem Positionspapier formulierten Perspektiven beruhen auf langjährigen Erfahrungen in der Entwicklung, Planung und strategischen Begleitung von Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen. Die Autoren Prof. Dr. Guido Benzler und Joachim Heintze, die geschäftsführenden Gesellschafter der rheform GmbH, begleiten seit über 30 Jahren Hochschulstandortentwicklungen, Umsetzungen nachhaltiger Raum- und Baukonzepte sowie komplexe Organisations- und Infrastrukturprozesse an Hochschulen im deutschsprachigen Raum.
Ihre Arbeit umfasst dabei die Beratung von Hochschulleitungen und Wissenschaftseinrichtungen sowie die Mitwirkung in wissenschaftspolitischen und administrativen Kontexten. Die Autoren bringen ihre Erfahrungen unter anderem in Strategieprozesse, Immobilienentwicklungen, Anhörungen und hochschulpolitische Entscheidungsprozesse ein. Die in den “Positionen” beschriebenen Zusammenhänge entstehen damit nicht aus einer theoretischen Außenperspektive, sondern aus der kontinuierlichen Auseinandersetzung mit den strukturellen, organisatorischen und räumlichen Herausforderungen im Hochschulsystem.

Prof. Dr. Guido Benzler, geschäftsführender Gesellschafter rheform GmbH

Joachim Heintze, Dipl. Ing. Architektur, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter rheform GmbH