Planung unter Sicherheitsauflagen für das Helmholtz-Institut für One Health (HIOH)
Teil 2 der Serie über den Forschungsneubau in Greifswald
Nach der Konzepterarbeitung und Durchführung der integralen Vergabe (Teil 1) beginnt in Greifswald nun die Bauphase für das Helmholtz-Institut für One Health (HIOH). Parallel dazu setzen die Fachplaner:innen die Anforderungen an die Laborbereiche bis zum biologischen Sicherheitslevel 3 (BSL‑3) um.
Vom symbolischen Meilenstein der Grundsteinlegung zur konkreten Umsetzung
Mit der Grundsteinlegung am 11. September 2025 begann in Greifswald die offizielle Bauphase für das Helmholtz‑Institut für One Health (HIOH). Der festliche Moment im Beisein von Manuela Schwesig, der Ministerpräsidentin Mecklenburg‑Vorpommerns, würdigte zugleich den langen Weg intensiver Vorbereitungen und Planung. Denn in seiner technischen Komplexität und seinen Sicherheitsanforderungen unterscheidet sich der Forschungsneubau grundlegend von einem konventionellen Laborgebäude. Diese Besonderheiten prägen den weiteren Projektverlauf, bei dem es nun um die bauliche Umsetzung im vorgegebenen Zeit- und Kostenrahmen geht.




Die Fertigstellung des Neubaus ist für Sommer 2027 geplant. Seit 2021 begleitet die rheform‑Gruppe das Projekt mit Expertise in Hochbau, Laborkonzeption, technischer Gebäudeausrüstung (TGA), Bedarfsplanung und Vergabemanagement. Nach der Zuschlagserteilung bleibt die rheform weiterhin eng in das Bauvorhaben eingebunden. Das interdisziplinäre Projektteam überwacht die vertraglich vereinbarten Qualitäten, Funktionen, Termine und Kosten und berät den Bauherrn, das Helmholtz‑Zentrum für Infektionsforschung (HZI), technisch bis zur Inbetriebnahme.
Forschung unter Hochsicherheitsbedingungen
Das HIOH-Forschungsfeld ist komplex. Entsprechend hoch und umfangreich sind die spezifischen Anforderungen an ein Gebäude und Laborflächen unter Hochsicherheitsbedingungen. So werden nach Auskunft des Instituts in den Laborflächen der biologischen Sicherheitsstufe 3 („BSL-3-Labore“) multiresistente bakterielle Erreger untersucht, die schwer therapierbare Infektionen verursachen und im medizinischen Alltag eine wachsende Herausforderung darstellen. Zudem werden Umweltkeime mit außergewöhnlichem Anpassungsvermögen erforscht, darunter Zoonoseerreger, deren mögliche Übertragbarkeit sie zu einem sicherheitsrelevanten Forschungsobjekt machen. Die Analyse dieser hochinfektiösen bakteriellen und viralen Krankheitserreger ist entscheidend für die Entwicklung neuer Schutz- und Präventionsstrategien.
Fundierte Bedarfsplanung als Grundlage der Bauplanung
Weil die HIOH-Forschungsfelder höchste Ansprüche an Gebäudesicherheit, technische Infrastruktur und räumliche Organisation stellen, fand im Vorfeld eine besonders sorgfältige und detaillierte Bedarfsplanung statt. Als Ergebnis lag ein umfassendes Anforderungsprofil vor. Zusammen mit einer funktionalen Leistungsbeschreibung bildet es die belastbare Grundlage für die weitere Ausführung. Diese Projektgrundlage erarbeitete die rheform gemeinsam mit dem Bauherrn sowie allen Wissens‑ und Entscheidungsträger:innen in einem partizipativen Prozess. Dabei wurden technische, funktionale und organisatorische Anforderungen erfasst und zusammengeführt.
Mehrwert der rheform: Nutzeranforderungen übersetzen und Entscheidungen herbeiführen
Die Ergebnisse der Bedarfsplanung bildeten den Ausgangspunkt für die weitere Ausarbeitung. Ab diesem Punkt geht es darum, die Anforderungen aus Forschung, Gebäudebetrieb und Sicherheit in bautechnisch realisierbare Lösungen zu überführen. Die rheform koordiniert diesen Prozess, bringt die Perspektiven der Beteiligten zusammen und sorgt dafür, dass funktionale, technische und wirtschaftliche Zielvorgaben eingehalten werden. Dabei verlangt ein Forschungsneubau wie das HIOH nicht nur technisches Know-how, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Prozesse im Betrieb.
„Wir sind in der Lage, uns in alle Akteure hineinzuversetzen. Das ist entscheidend, weil im Projekt jeder aus seiner Sicht handelt und seine eigenen Interessen vertritt – sei es die Bauseite, die Nutzerseite oder die Bauherrenseite. Wir von der rheform betrachten hingegen mit unserer integralen Vorgehensweise das Gesamtbild. Unsere Aufgabe ist es, die unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen, Abhängigkeiten zu erkennen und darauf aufbauend Empfehlungen abzugeben“, beschreibt Ivan Ivanov, Architekt aus dem rheform Projektteam seine Aufgabe und Funktion.
Diese Empfehlungen orientieren sich an fünf zentralen Zielaspekten, die bei Bauvorhaben berücksichtigt und bestmöglich miteinander in Einklang gebracht werden müssen: Funktion, Form, Zeit, Kosten und Nachhaltigkeit. Wenn es darum geht, Nutzeranforderungen zu übersetzen und Entscheidungen herbeizuführen, gehe es, so Ivan Ivanov, immer auch darum, Menschen zu erreichen und bei unterschiedlichen Interessen gemeinsame Lösungen im Sinne des Projekts zu finden.
„In der Umsetzung kommt es immer wieder vor, dass sich einzelne Anforderungen nicht im ursprünglich gedachten Umfang realisieren lassen. Dann besteht die Aufgabe darin, die Optionen transparent zu machen, ihre Vor- und Nachteile abzuwägen und den Bauherrn in die Lage zu versetzen, eine fundierte Entscheidung zu treffen“, erklärt der rheform-Architekt.
Ivan Ivanov beschreibt damit den eigentlichen Mehrwert, den das rheform-spezifische Projekt- und Kommunikationsmanagement leistet: Es kommt darauf an, im oft spannungsreichen Umfeld von ambitionierten Zeit- und Kostenplänen pragmatische Lösungen zu finden, die Mehrkosten vermeiden, Zeit sparen und den Betrieb nachhaltig vereinfachen.
Komplexität managen: Schnittstellen und Zeit im Fokus
Der Ausbau und die spätere Inbetriebnahme der hochinstallierten Laborbereiche ist die eigentliche Bewährungsprobe des Projekts. Darin sind sich Architekt Ivan Ivanov und Laborplaner Dennis Titze aus dem rheform-Team einig. Forschungsgebäude in der Komplexität wie das HIOH werden unter diesen Rahmenbedingungen nicht so oft gebaut. Es handelt sich um eine planerische Nische, in der hohe Expertise und Präzision gefragt sind. Im Unterschied zum klassischen Hochbau weist der Laborbau einen deutlich höheren technischen Installationsgrad auf und damit auch mehr Schnittstellen zwischen den Fachdisziplinen und ausführenden Unternehmen, die präzise koordiniert werden müssen.
Diese Komplexität verlangt ein Projektmanagement, das technische Abläufe, Zeitpläne und Kommunikationsstrukturen eng aufeinander abstimmt. „Die große Herausforderung im Projekt liegt vor allem darin, alle Akteure so zusammenzubringen, dass Teilziele erreicht werden und der Zeitplan insgesamt eingehalten wird“, sagt Ivan Ivanov. Der Projekterfolg entscheidet sich am Ende nicht an der Technik allein, sondern am Zusammenspiel aller Beteiligten und insbesondere dort, wo hohe Sicherheitsstandards eine nahtlose Planung erfordern.

Technische und bauliche Sicherheitskonzepte: Planung der HIOH-Hochsicherheitsbereiche im Detail
Wie anspruchsvoll die Abstimmung in einem solchen Projekt ist, zeigt sich in der Planung der Hochsicherheitsbereiche. Der regulatorische Rahmen ist klar definiert und legt gesetzlich vorgeschriebene Sicherheitsvorgaben vor, die für die Zulassung der Labore zwingend eingehalten werden müssen. Alle nutzerspezifischen Anforderungen sind so konzipiert, dass sie die Sicherheit von Menschen und Proben gleichermaßen gewährleisten. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die bauliche und technische Ausführung, beispielsweise hinsichtlich der Oberflächenqualität, der Dichtigkeit von Bauteilen, der Lüftung und des Brandschutzes.
Besonderes Augenmerk gilt der Wegeführung: Das Grundrisslayout in den Laborbereichen folgt einem Einbahnstraßensystem, das Kreuzkontaminationen verhindert. Personen, Materialien und Proben bewegen sich entlang klar getrennter Wege – immer entlang einer definierten Prozessrichtung. Die Vorgaben zur Grundrissgestaltung und technischen Versorgung der Sicherheitszonen waren deshalb im Vorfeld äußerst konkret. Die räumliche Kubatur folgt den analytischen Arbeitsschritten und bildet sie baulich ab.
Auch die technische Ausstattung ist komplex. In den Laboren, in denen mit infektiösen Erregern gearbeitet wird, sorgen redundante Lüftungsanlagen mit spezieller Filtrierung für größtmögliche Sicherheit. Diese Hochleistungsfilter reinigen die Luft von selbst feinsten Partikeln und verhindern, dass potenziell infektiöse Aerosole nach außen gelangen. Fällt ein System aus, übernimmt sofort ein zweites. Diese Redundanz erfordert zusätzliche Investitionen sowie mehr Platz, Energie und Wartung, doch im Sicherheitslaborbau ist sie unverzichtbar. Eine unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) folgt demselben Prinzip: Sie hält im Ernstfall besonders kritische Gebäudetechnik und Geräte über Batterien stabil, bis nach einer definierten Überbrückungszeit eine Netzersatzanlage anspringt.
Ebenso anspruchsvoll ist der Umgang mit Wasser und Abwasser. Um Aufwand und Ressourcen zu sparen, gibt es im künftigen S3-Bereich des HIOH kein fließendes Wasser. Diese konzeptionelle Vorgabe erfolgte in Abstimmung mit den Behörden. Sie spart dem Bauherrn einen Betrag im unteren sechsstelligen Bereich sowie dauerhaft hohe Kosten für die Abwasseraufbereitung. Denn bevor das Abwasser aus einem Hochsicherheitslabor in das öffentliche Netz eingeleitet werden darf, muss es zunächst in einer geschlossenen, thermischen Anlage erhitzt und dadurch dekontaminiert werden. Im S3-Bereich des HIOH wird auf Wasseranschlüsse verzichtet. Lediglich in der Personalschleuse gibt es ein Hygienebecken, dessen Abwasser als unbedenklich eingestuft ist und daher nicht speziell behandelt werden muss.
„Es geht immer auch darum, Risiken abzuwägen und pragmatische Lösungen zu finden, die den Betrieb langfristig vereinfachen und unnötige Kosten vermeiden“, erläutert Laborplaner Dennis Titze aus dem rheform Team. „Laborbau folgt keinem Schema F, sondern ist immer individuell an die Anforderungen der Forschung angepasst.“
So folgt auch der Brandschutz eigenen Regeln. Eine Niederdruck-Nebellöschanlage begrenzt im BSL-3-Bereich die Wassermenge im Brandfall, während Löschwasserbarrieren verhindern, dass kontaminiertes Wasser austritt. Alle Systeme greifen ineinander und bilden ein fein abgestimmtes Netzwerk, das Forschung unter Hochsicherheitsbedingungen erst ermöglicht.
„Im hochinstallierten Laborbau ist jedes Detail auf die jeweilige Nutzung genau abgestimmt“, sagt Dennis Titze. „Wird jetzt etwas falsch gebaut, wird es teuer und kostet Zeit. Deshalb geht es darum, Änderungen möglichst zu minimieren.“
In dieser Phase gewinnt die Qualitätssicherung besondere Bedeutung. Sie liegt in der Verantwortung der rheform und begleitet den gesamten Bauprozess. Bei dieser Aufgabe verschiebt sich der Schwerpunkt von der Planung zur Kontrolle, damit über die Projektlaufzeit aus kleinen Abweichungen keine großen Folgen entstehen.
Aktueller Baufortschritt und Ausblick
Auf der Baustelle in Greifswald werden derzeit noch die Grundlagen für das Fundament und die Bodenplatte gelegt. Das Genehmigungsverfahren befindet sich in der Abschlussphase. Der nächste große Meilenstein ist der Beginn des Rohbaus voraussichtlich zum Jahresbeginn 2026.






Im nächsten Beitrag: Der Rohbau des HIOH nimmt Form an
Wenn aus Planung Realität wird: Der Rohbau des HIOH entsteht in modularer Fertigbauweise und die ist schnell und spektakulär. Lkw-weise treffen die vorgefertigten Module auf der Baustelle ein. Ein Kran setzt sie in kürzester Zeit zu einem Forschungsgebäude zusammen.
Im nächsten Beitrag zeigen wir die logistischen Herausforderungen dieser Bauweise, erläutern die Qualitätssicherung im Ausbau und geben Einblicke in die Gebäudetechnik, Nutzerintegration und Nachhaltigkeitsaspekte.
Visualisierungen
Fotos Grundsteinlegung HIOH und Titelbild: Wally Pruß
Fotos Baustelle: Goldbeck
Isometrie: Ingenieurbüro Möller + Partner
Der künftige Sitz des HIOH in Greifswald
Helmholtz-Institut für One Health (HIOH)
Felix-Hausdorff-Straße 7
17489 Greifswald
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