Daseinsvorsorge durch Evaluation
Erfahrung der Leibniz-Gemeinschaft zahlt sich aus – Schlussfolgerungen für andere Akteure in der Wissenschaft

Erschienen in Wissenschaftsmanagement, Ausgabe “Transfer & Peer Consulting”, Oktober 2026
Ein PDF des Artikels können Sie hier herunterladen.
Die Evaluationspraxis der Leibniz-Gemeinschaft hat eine lange Tradition und ist eng mit der Neuordnung des deutschen Wissenschaftssystems nach der Wiedervereinigung verbunden. Seither wurden Verfahren und Bewertungsmaßstäbe kontinuierlich weiterentwickelt. Die Kriterien spiegeln damit nicht nur die Anforderungen an einzelne Institute, sondern auch veränderte Erwartungen an leistungsfähige Wissenschaftsorganisationen insgesamt wider.
Strategische Weiterentwicklung ist dabei keine Frage von Evaluationszyklen. Gerade externe Evaluationen machen sichtbar, welche Anforderungen an wissenschaftliche Leistungsfähigkeit, institutionelle Strukturen und strategische Entwicklung gestellt werden. Der Wandel der Leibniz-Evaluation über die letzten Jahrzehnte ist deshalb auch über die Gemeinschaft hinaus interessant. Hochschulen und andere Wissenschaftseinrichtungen stehen vor ähnlichen Fragen: Wie lassen sich Leistungsfähigkeit nachweisen, Profile schärfen und Strukturen zukunftsfähig weiterentwickeln? Die Erfahrungen aus dem Leibniz-System zeigen, welche Rolle Evaluationen dabei spielen können – und welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche Vorbereitung entscheidend sind.
rheform hat in den vergangenen Jahren mehrere Leibniz-Institute im Kontext von Evaluationen und institutioneller Weiterentwicklung begleitet. Aus dieser Perspektive heraus lassen sich die Entwicklung des Verfahrens einordnen und Orientierungen für andere Wissenschaftsorganisationen ableiten.
Evaluation als konstitutives Element des Leibniz-Modells
Die Mitgliedschaft in der Leibniz-Gemeinschaft ist nicht dauerhaft garantiert. In einem Turnus von sieben Jahren müssen die knapp 100 Einrichtungen nachweisen, dass sie die Voraussetzungen für die gemeinsame Förderung durch Bund und Länder weiterhin erfüllen. Evaluation ist damit kein ergänzendes Instrument der Qualitätssicherung, sondern ein konstitutiver Bestandteil des Leibniz-Modells.
Das Verfahren folgt einer klaren Struktur: Grundlage ist eine umfangreiche Evaluierungsunterlage, die nach einem verbindlichen Muster erstellt wird. Darauf folgt in der Regel ein zweitägiger Institutsbesuch durch unabhängige Gutachter: innen aus dem In- und Ausland. Die Ergebnisse werden in einem Bewertungsbericht zusammengeführt, zu dem das Institut Stellung nehmen kann. Auf dieser Basis entscheidet der Leibniz-Senat über die weitere Förderung. Im Regelfall folgt die nächste Evaluation nach sieben Jahren; bei substanziellen Defiziten kann der Zeitraum auf vier Jahre verkürzt werden. Im äußersten Fall kann die gemeinsame Förderung enden (Leibniz-Senat 2024b).
Wie konsequent das Leibniz-System mit Qualitätsdefiziten umgeht, zeigt der Blick auf die bisherigen Verfahren: Zwischen 2002 und Mitte 2023 empfahl der Leibniz-Senat in 25 von 262 Stellungnahmen eine vorgezogene Evaluation. Betroffen waren 19 Einrichtungen, einige davon mehrfach – in Einzelfällen sogar in zwei oder drei verkürzten Zyklen hintereinander (Leibniz-Senat 2024a). Gleichzeitig bleibt der Förderentzug die Ausnahme: Seit Beginn der Evaluierungen durch den Leibniz-Senat führten negative Evaluationsergebnisse bei neun Einrichtungen zum Ausscheiden aus der gemeinsamen Förderung, in jüngerer Vergangenheit unter anderem die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin (ZB MED, 2016), das Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN, 2020) und das Leibniz-Institut für Sonnenphysik (KIS, 2023). Das Verfahren verbindet damit hohen Veränderungsdruck mit realen Bewährungschancen – kann bei dauerhaft unzureichender Entwicklung aber auch zum Ende der Förderung führen.
Ein Bewertungsmaßstab, der sich mit dem Wissenschaftssystem verändert
Auch die Maßstäbe der Evaluation sind nicht statisch. Bereits nach dem ersten vom Leibniz-Senat verantworteten Evaluierungszyklus 2002 bis 2008 wurde angekündigt, neben der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit die strategische Entwicklung und Profilbildung stärker zu gewichten (Leibniz-Senat 2009). In den folgenden Zyklen kamen Forschungsinfrastrukturen und Transfer, später auch Governance und Administration deutlicher in den Blick. Seit 2018 wird im Verfahren noch stärker hervorgehoben, dass neben der Forschung auch Forschungsinfrastruktur- und Transferleistungen sowie die entsprechenden Strategien in die Evaluation einbezogen werden (Leibniz-Senat 2016).
Doch schlägt sich diese Selbstbeschreibung auch in der tatsächlichen Bewertungspraxis nieder? Dafür hat rheform sämtliche veröffentlichten Senatsstellungnahmen seit Beginn des zweiten Evaluierungszyklus (01.01.2009) ausgewertet. Das Ergebnis: im Wesentlichen ja – allerdings nicht dadurch, dass alte Kriterien durch neue ersetzt werden (siehe Tabelle 1) (Leibniz-Gemeinschaft o. J.). Vielmehr erweitert sich das Verständnis dessen, was institutionelle Leistungsfähigkeit ausmacht. Wissenschaftliche Qualität bleibt der zentrale Maßstab. Zunehmend wird sie im Zusammenhang mit den organisatorischen Voraussetzungen betrachtet, unter denen sie entsteht: Passen Auftrag, Forschungsprofil und Strategie zusammen? Unterstützen Governance, Personal und Ressourcen die wissenschaftlichen Ziele? Sind Forschungsinfrastrukturen und Transfer schlüssig in das institutionelle Profil eingebunden? Neue Themen wie Personalentwicklung, Gleichstellung, Forschungsintegrität oder nachhaltiger Ressourceneinsatz erweitern diesen Blick zusätzlich.
Darin zeigt sich eine Verschiebung auf drei Ebenen: vom wissenschaftlichen Output zur Leistungsfähigkeit der Organisation, von einzelnen Kriterien zur Kohärenz des institutionellen Gesamtmodells und von der aktuellen Leistungsfähigkeit zur Entwicklungsfähigkeit. Die Evaluation fragt damit zunehmend nicht nur, ob eine Einrichtung heute wissenschaftlich überzeugt, sondern auch, ob sie strukturell in der Lage ist, ihre Qualität dauerhaft zu sichern und auf veränderte Anforderungen zu reagieren. Die Evaluation bildet damit zugleich die Entwicklung des Wissenschaftssystems ab: Mit den Anforderungen an Wissenschaftsorganisationen verändert sich auch der Maßstab dafür, was als institutionell leistungsfähig gilt.

Was daraus für die Vorbereitung folgt
Für die Institute hat diese Entwicklung eine wesentliche Konsequenz: Auf eine Evaluation lässt sich nur begrenzt kurzfristig vorbereiten. Publikationszahlen, Drittmittelquoten oder internationale Kooperationen können für eine Begutachtung systematisch aufbereitet werden. Eine konsistente Strategie, funktionierende Entscheidungs- und Governance-Strukturen, eine tragfähige Personalentwicklung oder eine überzeugende institutionelle Profilierung lassen sich dagegen nicht wenige Monate vor dem Besuch einer Gutachtergruppe herstellen. Sie müssen über längere Zeit aufgebaut werden und in der Organisation tatsächlich wirksam sein. Die eigentliche Vorbereitung auf eine Evaluation beginnt deshalb idealerweise nicht mit dem Ausfüllen der Evaluierungsunterlage. Sie beginnt mit einer frühzeitigen Standortbestimmung: Wo steht die Einrichtung wissenschaftlich und organisatorisch? Welche Erwartungen zeichnen sich im aktuellen Evaluationszyklus ab? Wo passen Strategie, Forschungsprofil, Governance und Ressourcen bereits zusammen – und wo bestehen Lücken?
Besonders deutlich wird die Bedeutung dieses zeitlichen Vorlaufs, wenn eine Einrichtung nach einer regulären Evaluation nicht die erwartete Bestätigung erhält und bereits nach vier Jahren erneut überprüft wird. Dann müssen strategische und organisatorische Veränderungen unter erheblichem Zeitdruck umgesetzt und gleichzeitig wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und Stabilität gewährleistet werden.
Erfahrung aus der Praxis: Veränderung unter Zeitdruck
Wie anspruchsvoll eine solche Situation werden kann, zeigt das Beispiel des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg. Nach einer kritischen Bewertung im Jahr 2013 stand das Institut vor einem umfassenden Veränderungsprozess. „Wenn die Leibniz-Gemeinschaft eine weitere Evaluation in der Frist von vier Jahren einfordert, liegen die Nerven bei der Institutsleitung und den Kolleg: innen in der Regel blank“, erinnert sich Professor Klaus Müller, damals kommissarischer wissenschaftlicher Direktor in der Change-Phase am ZALF. Im damaligen Vorstand und im Kreis der Mitarbeitenden sei schnell die Einsicht gewachsen, dass es umfassender Veränderungen bedurfte. Für die Entwicklung einer neuen Strategie und die Begleitung ihrer Umsetzung holte das Institut externe Unterstützung hinzu.
Ende 2013 begann rheform mit einer umfassenden ZALF-Bestandsaufnahme. Zentrale Handlungsfelder wurden identifiziert, strategische und organisatorische Veränderungen entwickelt und das Institut bis zur erfolgreichen Evaluation im Juni 2016 begleitet. Das Beispiel zeigt zugleich, weshalb es günstiger ist, einen solchen Prozess nicht erst nach einem kritischen Votum zu beginnen.
Rechtzeitig ansetzen – und die Organisation als Ganzes betrachten
Die rheform-Erfahrung zeigt: „Der Stressfaktor bei einer verkürzten Evaluation ist enorm“. Deshalb sollte bereits einer regulären Evaluation frühzeitig eine systematische Standortbestimmung vorausgehen. Dazu können eine Umfeldanalyse, eine strategische Bestandsaufnahme oder auch eine Mitarbeitenden-Befragung gehören. Entscheidend ist jedoch, die einzelnen Evaluationskriterien nicht isoliert abzuarbeiten. Die essenzielen Fragen liegen häufig in den Zusammenhängen:
- Passt das Forschungsprofil zur Strategie?
- Sind Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege eindeutig?
- Unterstützen Personal- und Ressourcenstrukturen die wissenschaftlichen Ziele?
- Sind Transfer, Kooperationen und Forschungsinfrastrukturen überzeugend in das institutionelle Gesamtmodell eingebettet?
Eine solche Analyse schafft den notwendigen zeitlichen Spielraum, um Veränderungen nicht nur zu beschließen, sondern in der Organisation tatsächlich wirksam werden zu lassen. Je nach Ausgangslage kann dies eine Schärfung des wissenschaftlichen Profils, die Weiterentwicklung von Organisations- und Governance-Strukturen, eine Professionalisierung von Controlling und Steuerung, eine Stärkung der Publikations und Drittmittelleistungen oder eine Weiterentwicklung der internen und externen Kommunikation umfassen. Aus der Vorbereitung auf eine Evaluation wird damit vielfach ein strategischer Organisationsentwicklungsprozess.
Die Erfahrungen aus verschiedenen Begleitungen von Leibniz-Instituten zeigen zugleich, dass ein solcher Veränderungsprozess nicht allein auf Leitungsebene entwickelt werden sollte. Der Ansatz in der rheform-Beratung fußt auf einem partizipativen Prozess. Wesentliche Eckpfeiler einer Neuausrichtung – beispielsweise Veränderungen der Organisationsstruktur oder der Strategie – werden gemeinsam mit Leitung, Mitarbeitenden, Beiratsgremien und relevanten externen Stakeholdern entwickelt. Dies erhöht nicht nur die fachliche Qualität der Lösungen. Es schafft auch Akzeptanz innerhalb der Organisation und trägt dazu bei, dass Veränderungen nicht lediglich für die nächste Evaluation formuliert, sondern tatsächlich gelebt werden.
Was andere Wissenschaftsorganisationen von Leibniz lernen können
Auch die konkrete Begutachtungssituation lässt sich vorbereiten. Dazu gehören beispielsweise die strukturierte Aufbereitung zentraler Botschaften sowie die Vorbereitung des wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Personals auf Gespräche mit der Gutachtergruppe. Solche Maßnahmen können jedoch eine institutionelle Entwicklung nicht ersetzen. Je früher strukturelle oder strategische Schwächen erkannt werden, desto größer ist die Chance, sie nachhaltig zu bearbeiten.
Gerade darin liegt eine Erfahrung des Leibniz-Systems, die über die Gemeinschaft selbst hinausweist. Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen stehen zunehmend vor ähnlichen Fragen: Sind wissenschaftliches Profil und strategische Prioritäten klar? Passen Governance, Ressourcen und Personal dazu? Und gelingt es, Transfer und gesellschaftliche Wirkung schlüssig mit dem institutionellen Auftrag zu verbinden?
Nicht jede Wissenschaftsorganisation benötigt dafür ein Verfahren mit den gleichen Konsequenzen wie die Leibniz-Gemeinschaft. Übertragbar ist jedoch die grundlegende Logik: Leistungsfähigkeit nicht nur punktuell zu messen, sondern regelmäßig zu überprüfen, ob Anspruch, Strategie und institutionelle Voraussetzungen noch zusammenpassen. In diesem Sinne ist Evaluation mehr als Kontrolle. Externe Evaluation kann dabei blinde Flecken sichtbar machen und Veränderungsbedarf benennen, bevor er zum akuten Problem wird.
Fazit
Die Verbindlichkeit des Leibniz-Verfahrens macht aus Evaluation mehr als eine nachträgliche Leistungsbilanz: Sie wird zum Anlass strategischer Selbstprüfung und institutioneller Weiterentwicklung. Wer damit erst unmittelbar vor einer Begutachtung beginnt, hat wesentliche Gestaltungsmöglichkeiten bereits verschenkt. Wer Evaluation dagegen als kontinuierlichen Bestandteil der Organisationsentwicklung versteht, kann sie nutzen, um Profil und Leistungsfähigkeit langfristig zu sichern. In diesem Sinne ist Evaluation mehr als Kontrolle – sie wird zur institutionellen Daseinsvorsorge.
Für die Umsetzung bedeutet dies, strategische, wissenschaftliche und organisatorische Entwicklung frühzeitig zusammenzudenken und auf eine belastbare Datenbasis zu stellen. So lassen sich Handlungsfelder etwa in Governance, Ressourcensteuerung oder wissenschaftlicher Profilbildung rechtzeitig erkennen und gezielt weiterentwickeln. Die Erfahrung aus Evaluations- und Reformprozessen zeigt, dass gerade diese Verbindung von Analyse, Strategie und Governance nachhaltige institutionelle Entwicklung ermöglicht.
Quellen
Leibniz-Senat (2009): Evaluierungen von Leibniz-Einrichtungen 2002 bis 2008. Bericht des Senats der Leibniz-Gemeinschaft
an die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, 18–20. Berlin: Leibniz-Gemeinschaft.
Leibniz-Senat (2016): Evaluierungen von Leibniz-Einrichtungen 2009 bis 2016. Bericht des Senats der Leibniz-Gemeinschaft
an die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, insb. 14–15. Berlin: Leibniz-Gemeinschaft.
Leibniz-Senat (2024a): Evaluierungen von Leibniz-Einrichtungen 2016 bis 2023. Bericht des Senats der Leibniz-Gemeinschaft
an die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz, 36–39. Beschlossen am 19. März 2024. Berlin: Leibniz-Gemeinschaft.
Leibniz-Senat (2024b): Grundsätze des Evaluierungsverfahrens des Senats der Leibniz-Gemeinschaft. Fassung vom 26. November 2024.
Berlin: Leibniz-Gemeinschaft.
Leibniz-Gemeinschaft (o. J.): Senatsstellungnahmen zu den evaluierten Leibniz-Einrichtungen. URL: https://www.leibniz-gemeinschaft.de/
ueber-uns/evaluierung/das-evaluierungsverfahren-der-leibniz-gemeinschaft/senatsstellungnahmen (zuletzt abgerufen am 19.08.2026).
Guido Benzler
Prof. Dr. rer. oec. Guido Benzler ist geschäftsführender Gesellschafter der rheform GmbH und ihrer Tochtergesellschaften. Er begleitet Hochschulen und wissenschaftliche Einrichtungen in Fragen der Strukturentwicklung, Governance und strategischen Steuerung.
Philipp Adler
Phillip Adler ist Prokurist und Bereichsleiter und ist im Bereich der strategischen und datenbasierten Beratung von Wissenschaftseinrichtungen bei der rheform aktiv.
Julius Anders
Julius Anders ist seit 2020 bei der rheform und berät Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen bei strategischen und organisatorischen Fragestellungen.
PDF herunterladen
Wir stellen Ihnen das PDF zum Artikel gern zur Verfügung. Nach Eingabe Ihrer Daten erhalten Sie eine E‑Mail mit einem Download-Link.