Zielkonflikte im Hochschulbau zukunftsweisend lösen
Masterarbeit über die Vorteile einer zielorientierten Bedarfsplanung für Hochschulbauprojekte
Wie beeinflusst die Qualität von Planungs- und Entscheidungsprozessen die funktionale Qualität eines Hochschulbaus? Mit dieser Frage hat sich rheform-Mitarbeiterin Melike Genc in ihrer berufsbegleitenden Masterarbeit beschäftigt. Sie vergleicht drei Hochschulneugründungen in Nordrhein-Westfalen, um herauszufinden, wie sich mit Hilfe einer zielorientierten Bedarfsplanung aus strategischen Entwicklungszielen eine passende bauliche Form ableiten lässt.
Ihre Grundannahme lautet dabei wie folgt: Ob die Ziele eines Projektes im Zeit- und Kostenrahmen erreicht werden können, entscheidet sich bereits weit vor dem Baubeginn. Wer in der Phase 0 des Planungsprozesses Zeit spart, riskiert, sie im weiteren Projektverlauf mehrfach zu verlieren. Je früher strategische Ziele, Nutzeranforderungen und Entwicklungsperspektiven in die Planung einfließen, desto höher ist die funktionale Reife der Flächen bei ihrer Inbetriebnahme – und desto geringer der spätere Anpassungsbedarf.
Die Fragestellung ist hochaktuell. Hochschulen in Deutschland stehen bei ihrer baulichen Entwicklung vor vielfältigen Herausforderungen. Geänderte Anforderungen an Forschung und Lehre treffen auf Räume, Flächen und Gebäude, die den heutigen Bedarfen oft nicht mehr entsprechen. Um- und Neubauten sind sehr zeit- und kostenintensiv und fordern jetzt Entscheidungen über Strukturen, die erst Jahre oder Jahrzehnte später genutzt werden. An diesem Punkt setzt die Masterarbeit an: Sie untersucht, inwiefern eine frühzeitige, detaillierte Bedarfsplanung diese Prozesse und ihre Ergebnisse verbessern kann.
Der Titel der Arbeit lautet: „Planungsprozesse und funktionale Qualität – Ein Vergleich von FH-Neubauprojekten in Nordrhein-Westfalen“.
Fünf Zielkonflikte im Hochschulbau als Maßstab für die Analyse
Für ihre Analyse hat die Verfasserin die Hochschule Ruhr-West, Hochschule Rhein-Waal und Hochschule Hamm-Lippstadt gewählt. Alle drei Hochschulen haben einen profilierten MINT-Bereich, sind an jeweils zwei Standorten vertreten und realisierten ihre Neubauprojekte unter vergleichbaren Rahmenbedingungen.
Fünf in der Architekturtheorie etablierte Zielkonflikte der Bauplanung dienten als gemeinsamer Bewertungsrahmen für die drei Fallstudien. Untersucht wurde, wie Hochschulen die oft konkurrierenden Anforderungen an Funktion, Form, Zeit, Kosten und Nachhaltigkeit in ihren Planungsprozessen ausbalancieren. Anhand dieser Dimensionen hat Melike Genc geprüft, welche Folgen unterschiedliche Prioritäten in der Planung für das bauliche Ergebnis hatten:
- Funktion: Wie gut decken die geplanten Flächen den Bedarf ihrer Nutzer:innen, jetzt und in Zukunft?
- Form: Passt die bauliche Form zur Identität der Hochschule und ihrem städtebaulichen Kontext? Bildet die bauliche Form alle notwendigen Funktionen ab?
- Zeit: Wie kann der Zeitplan vom Projektstart bis zur Inbetriebnahme eingehalten werden? Welche Faktoren beeinflussen die termingerechte Umsetzung?
- Kosten: Wie kann der Kostenrahmen des Projektes eingehalten werden? Welche Faktoren könnten zu Kostensteigerungen führen? Wie beeinflussen die Budgetvorgaben die Prozess- und Projektqualität?
- Nachhaltigkeit: Wie gut bewähren sich die Flächen im laufenden Betrieb? Sind Umbauten notwendig oder wurde möglichst passgenau geplant? Wie einfach lassen sich die Flächen für zukünftige, geänderte Anforderungen an Forschung und Lehre anpassen?
Drei Hochschulen, drei unterschiedliche Strategien
Die drei Hochschulen verfolgten unterschiedliche Wege, um ihre strategischen Ziele baulich umzusetzen. Dadurch wurde sichtbar, welche Folgen frühe Planungsentscheidungen für den späteren Betrieb und den Anpassungsbedarf der Gebäude hatten.
Hochschule Ruhr-West: Architektur als strategisches Werkzeug
Eine offene Campusstruktur und vielfältige Begegnungsräume sollten an der Hochschule Ruhr-West den Austausch fördern und die Hochschule stärker mit ihrem städtebaulichen Umfeld verknüpfen. Ein zweistufiges Wettbewerbsverfahren und eine konsequente Bedarfsplanung sorgten dafür, dass die strategischen Ziele der Hochschule an beiden Standorten architektonisch überzeugend umgesetzt wurden.
Auf dem Hauptcampus Mühlheim an der Ruhr entstand ein achtteiliger Neubau mit vier Institutsgebäuden, einer Bibliothek, Mensa, einem Hörsaalzentrum und einem Parkhaus. Der neue Campus knüpft auf allen Seiten an den Stadtteil an, einen klassischen Haupteingang gibt es nicht. Auch am Standort Bottrop sind die verschiedenen Lehrbereiche räumlich stark verbunden. Mensa, Bibliothek, Prüfungsämter sowie das Hörsaal- und Studiengangszentrum sind zentral verortet, studentische Arbeitsplätze liegen als Schnittstelle und Treffpunkt dazwischen.
Gleichzeitig zeigt die Analyse, dass die starke Orientierung an Form, Zeit und Kosten Zielkonflikte in anderen Bereichen erzeugte: So erschweren etwa technisch schwer zugängliche Anlagen am Standort Bottrop heute Wartungsarbeiten und einzelne Flächen in Mülheim können aufgrund einer zu starken Ausrichtung auf individuelle Anforderungen einzelner Nutzer:innen jetzt nur eingeschränkt genutzt werden. Die Fallstudie macht damit deutlich, dass eine hohe Gestaltungsqualität nicht automatisch zu einer gleichermaßen hohen funktionalen Qualität im langfristigen Betrieb führt.

Hochschule Rhein-Waal: Internationale Vernetzung baulich unterstützen
Mit ihrem Neubau wollte die Hochschule Rhein-Waal einen international ausgerichteten Wissenschaftsstandort schaffen, der den fachübergreifenden Austausch zwischen Studierenden, Lehrenden und Forscher:innen fördert. Am Standort Kleve sowie am Standort Kamp-Lintfort setzte die Hochschule daher auf räumliche Nähe zwischen Fachbereichen und zentralen Angeboten, um den Campus zum attraktiven Aufenthaltsort zu machen und Begegnungen zu fördern. Am Campus Kleve verbinden Brücken über den Spoykanal die 19 Gebäude des Neubaus mit der Innenstadt, am Campus Kamp-Lintfort sind die Baukörper nach Süden hin bewusst fragmentiert, um einen städtebaulichen Übergang zur angrenzenden studentischen Wohnbebauung zu schaffen.
Im Betrieb erwiesen sich insbesondere Büro‑, Verwaltungs- und große Teile der Lehrflächen als passgenau und gut nutzbar. Im Laborbereich mussten allerdings 40 bis 50 Prozent der Flächen in den ersten Jahren umgebaut werden. Da viele Professuren zum Planungszeitpunkt noch nicht besetzt waren, konnten deren Anforderungen nicht in die Bedarfsplanung einfließen und die Ausstattung der Flächen entsprach in vielen Fällen nicht den Arbeitsweisen der Forschungsteams. Das Beispiel verdeutlicht, dass selbst passgenaue städtebauliche und architektonische Konzepte ihre Grenzen erreichen, wenn wesentliche Anforderungen der Nutzer:innen zum Planungszeitpunkt noch nicht bekannt sind.

Hochschule Hamm-Lippstadt: Bauen für unbekannte Anforderungen
Auch die Hochschule Hamm-Lippstadt verfolgte mit ihrem Neubau das Ziel, die informelle Kommunikation räumlich zu unterstützen. Die Gebäude wurden so angeordnet, dass sich auf den Wegen zwischen ihnen möglichst viele Begegnungsmöglichkeiten ergeben. Ziel war eine Hochschulumgebung, die den Austausch auf Augenhöhe und die fachbereichsübergreifende Zusammenarbeit fördert. Viele Professuren waren zu Projektbeginn noch unbesetzt, eine Beteiligung der Nutzer:innen war im Rahmen der Bedarfsplanung also nur eingeschränkt möglich. Deshalb wurden die Flächen so geplant, dass sie sich später ohne große Umbauten anpassen lassen.
Die Standorte Hamm und Lippstadt folgen denselben planerischen Grundprinzipien. Die studentischen Arbeits- und Lernbereiche sind zentral verortet, Medienzentrum, Seminarräume, Verwaltung und Hörsäle in unmittelbarer Nähe dazu platziert. Die Anordnung schafft natürliche Schnittstellen zwischen den Labor- und Lernbereichen und den allgemeinen Campusflächen.
Für die Zuordnung der Räume waren nur die technischen Anforderungen relevant, organisatorische Grenzen wurden baulich nicht abgebildet. Alle Flächen können flexibel von unterschiedlichen Fachbereichen genutzt und bei Bedarf neu zugeordnet werden. Das Ergebnis unterstreicht, dass funktionale Qualität nicht durch starre Raumprogramme entsteht, sondern durch Strukturen, die zukünftige Entwicklungen bereits in der Planung mitdenken.

Die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchung
Der Vergleich der drei Hochschulen zeigt ein klares Muster: Die jeweils priorisierten Ziele wurden zwar erreicht, häufig jedoch zulasten anderer Qualitätsdimensionen. Wo Zeitdruck die Planung bestimmte, stieg der spätere Anpassungsbedarf. Wo architektonische Qualität im Vordergrund stand, traten im Betrieb funktionale Einschränkungen auf. Spätere Herausforderungen traten dort auf, wo zentrale Anforderungen nicht in die Planung einfließen konnten oder Gebäude nicht flexibel geplant waren. Damit bestätigt die Untersuchung die zentrale These der Masterarbeit: Funktionale Qualität entsteht nicht erst auf der Baustelle. Die Planungs- und Entscheidungsprozesse der Phase 0 prägen die funktionale Qualität der Gebäude weit über die Inbetriebnahme hinaus.
Von der Analyse zum Leitfaden für die Praxis: Was Hochschulneugründungen daraus lernen können
Melike Gencs Analyse führt zu einer klaren Schlussfolgerung: Zukunftsfähige Hochschulgebäude entstehen dort, wo Nutzeranforderungen, funktionale Ziele und langfristige Wandelbarkeit von Beginn an gemeinsam gedacht werden.
In ihrem Leitfaden für zukünftige Hochschulneugründungen identifiziert sie daher die Bedarfsplanung im Bauwesen nach DIN 18205 als wesentliche Grundlage eines Hochschulbauprojektes. Mit diesem genormten Planungsinstrument werden die Bedürfnisse und Anforderungen der Nutzer:innen an das zukünftige Gebäude definiert – und das schon in der sogenannten „Phase 0“. Während die Leistungsphase 1 eines Bauvorhabens meistens mit einem Vorentwurf oder einer Umfangsermittlung beginnt, setzt die Bedarfsplanung vor der typischen Arbeit eines Architekten an. Ihr Ergebnis ist ein Funktions- und Raumprogramm, das die strategischen Ziele des Projektes in konkrete, räumlich-bauliche Parameter übersetzt. Daran kann über den gesamten Planungs- und Bauprozess hinweg die Qualität der Umsetzung gemessen werden.
Auch die Wahl eines entwicklungsfähigen Standorts ist laut Melike Genc entscheidend für den Projekterfolg. Ein Erweiterungspotenzial der Flächen muss immer gegeben sein. Außerdem sollten die Hochschulgebäude modular angelegt werden, damit sie schnell und unkompliziert auf geänderte Anforderungen an Forschung und Lehre reagieren können.

Drei Fragen an…
Melike Genc studierte Architektur an der Hochschule Bochum und der Technischen Universität Istanbul. Seit April 2023 arbeitet sie bei der rheform im Bereich der „Nachhaltigen Immobilienentwicklung“ an Standort- und Gebäudekonzepten für Hochschulen, Wissenschaft, Unternehmen und Kommunen. Ihre Masterarbeit entstand im Rahmen des berufsbegleitenden Weiterbildungsstudiengangs „Real Estate Management und Construction Project Management“ an der Bergischen Universität Wuppertal.
Wie bist du auf das Thema für deine Masterarbeit gekommen?
Eigentlich entstand das Thema aus einer Fragestellung, die mich schon während meines Architekturstudiums begleitet hat. Mich hat interessiert, warum öffentliche Großbauprojekte trotz ähnlicher Voraussetzungen am Ende eine so unterschiedliche Qualität hervorbringen. Je intensiver ich mich jedoch mit dem Thema beschäftigt habe, desto deutlicher wurde, dass die entscheidenden Weichen bereits weit vor dem Bau gestellt werden. Dadurch hat sich auch der Schwerpunkt meiner Masterarbeit verändert: Hin zu der Frage, wie funktionale Qualität durch gute Prozesse gesichert werden kann. Die konkrete Idee, die drei Hochschulneugründungen in Nordrhein-Westfalen zu vergleichen, entstand schließlich im Austausch mit meinem Kollegen Michael Bollinger, der an der Bedarfsplanung der Hochschule Ruhr West beteiligt war.
Welches Ergebnis deiner Untersuchung hat dich selbst am meisten überrascht?
Mich hat vor allem überrascht, wie unterschiedlich sich die Projekte entwickelt haben, obwohl die Hochschulen unter sehr ähnlichen Rahmenbedingungen gestartet sind. Alle drei wurden über dieselbe hochschulpolitische Initiative gegründet, verfügten über vergleichbare Budgets und standen unter ähnlichem Zeitdruck. Dennoch zeigten sich später sehr unterschiedliche Stärken und Schwächen, die sich auf die jeweiligen Planungs- und Entscheidungsprozesse zurückführen ließen. Das hat mir noch einmal deutlich vor Augen geführt, welchen Einfluss frühe strategische Weichenstellungen auf die langfristige Nutzungsqualität von Hochschulgebäuden haben.
Kannst du die Inhalte und Ergebnisse deiner Arbeit aktuell bei der rheform umsetzen? Wenn ja, wie?
Die Ergebnisse meiner Masterarbeit lassen sich in mehreren Bereichen direkt in der Praxis anwenden. Besonders die Bedarfsplanung spielt in unserem Unternehmen eine zentrale Rolle. Wir beraten Hochschulen bei der Konzeption ihrer Raumstrukturen und führen Workshops mit den späteren Nutzer:innen durch, um deren Anforderungen, Arbeitsabläufe und zukünftige Entwicklungen frühzeitig zu verstehen. Ziel ist es, Funktions- und Raumkonzepte zu entwickeln, die langfristig an unterschiedliche Lehr‑, Forschungs- und Organisationsformen angepasst werden können.
Weitere Informationen
Bild der Hochschule Ruhr West: Christa Lachenmaier Photography
Bild der Hochschule Rhein-Waal: HSRW – Hans Jürgen Landes
Bild des Campus Lippstadt: Hochschule Hamm-Lippstadt