Future-Festival-2025-Ingolstadt: Rochus Wiedemer am Thementisch in Diskussion mit Teilnehmenden.

Campus­ent­wick­lung als Stadt­ent­wick­lung

Werk­statt­be­richt vom Future Festival 2025 in Ingol­stadt

Wie können Stadt und Univer­sität gemeinsam einen offenen Bildungs- und Kultur­campus im Herzen der Stadt entwi­ckeln? Diese Frage stand im Zentrum des Future Festi­vals 2025 in Ingol­stadt. Mit dem „Zukunfts­campus“ der Katho­li­schen Univer­sität Eich­stätt-Ingol­stadt (KU) entsteht mitten in der Ingol­städter Altstadt ein neuer Ort, der Impulse für Quar­tier- und Stadt­ent­wick­lung setzen soll. Das Festival bot Raum für Vorträge, Diskus­sionen und Work­shops, in denen Vertreter:innen aus Wissen­schaft, Stadt­ge­sell­schaft, Verwal­tung und Praxis gemeinsam an Entwick­lungs­fragen arbei­teten.

Auch die rheform betei­ligte sich an dem fach­li­chen Austausch und brachte ihre Exper­tise in der inte­gralen Campus- und Stand­ort­ent­wick­lung ein. Dr. Rochus Wiedemer von der rheform – Entwick­lungs­Ma­nage­ment GmbH hielt einen Impuls­vor­trag und mode­rierte im Work­shop-Teil der Veran­stal­tung den Themen­tisch „Campus vernetzten – Stadt­räume akti­vieren“.

Impuls­vor­trag: vom tradi­tio­nellen Hoch­schul­campus zum offenen Wissen­schafts­quar­tier

In seinem Vortrag machte Rochus Wiedemer deut­lich, dass Campus­ent­wick­lung heute weit über die Planung einzelner Hoch­schul­ge­bäude hinaus­geht. Hoch­schulen über­nehmen zuneh­mend erwei­terte gesell­schaft­liche Aufgaben. Neben Forschung und Lehre gewinnen Transfer, Third Mission und inter­dis­zi­pli­näre Zusam­men­ar­beit an Bedeu­tung. Diese Entwick­lungen stellen neue Anfor­de­rungen an Raum­struk­turen, Orga­ni­sa­ti­ons­formen und an die Einbin­dung von Hoch­schul­stand­orten in ihr städ­ti­sches Umfeld. Ein Campus ist unter diesen Voraus­set­zungen nicht als abge­schlos­sener akade­mi­scher Ort zu verstehen.

Vision vom Campus der Zukunft

Gefragt sind offene Wissen­schafts­quar­tiere, die soziale Dichte, Nutzungs­mi­schung und Austausch ermög­li­chen. Wiedemer skiz­zierte die Vision eines Campus der Zukunft, der diese Quali­täten aufnimmt. Zentral sind Ange­bote für sozialen Austausch, adap­tive Gebäu­de­struk­turen sowie die Über­win­dung terri­to­rialer, diszi­plin­be­zo­gener Orga­ni­sa­ti­ons­muster. Statt­dessen rücken orga­ni­sa­ti­ons­un­ab­hän­gige Konzepte und eine Struk­tu­rie­rung nach Flächen­arten und Nutzungen in den Fokus.

Die Vernet­zung von Campus und Stadt erfolgt dabei Wiedemers Ausfüh­rung zufolge nicht abstrakt, sondern über konkrete räum­liche Schnitt­stellen. Komple­men­täre Nutzungen, akti­vierte Erdge­schoss­zonen, Koope­ra­ti­ons­flä­chen und attrak­tive Wege­be­zie­hungen werden zu zentralen Stell­schrauben. Entschei­dend sei es, Stadt und Campus als zusam­men­hän­genden Entwick­lungs­raum zu betrachten und entspre­chend zu entwi­ckeln.

Projekt­bei­spiele aus der inte­gralen Campus- und Stadt­ent­wick­lung

Anhand konkreter Projekt­bei­spiele zeigte Rochus Wiedemer, wie sich diese Quali­täten schritt­weise auch unter begrenzten finan­zi­ellen Rahmen­be­din­gungen entwi­ckeln lassen. Tempo­räre Nutzungen, Pilot­pro­jekte und lang­fris­tige Stand­ort­stra­te­gien greifen dabei inein­ander.

Das Foyer des Badi­schen Staats­thea­ters in Karls­ruhe als tempo­rärer Lernort

Ein Beispiel ist die tempo­räre Nutzung des Foyers des Badi­schen Staats­thea­ters in Karls­ruhe während der Sanie­rung der Univer­si­täts­bi­blio­thek des Karls­ruher Insti­tuts für Tech­no­logie (KIT). Über mehrere Jahre entstand hier ein zentraler Lernort in der Innen­stadt. Die Mehr­fach­nut­zung erzeugte einen Mehr­wert für beide Seiten. Das Theater gewann Zugang zu einer jüngeren Ziel­gruppe und neuen Besu­cher­gruppen. Das KIT konnte Studie­renden einen attrak­tiven, gut erreich­baren Lernort anbieten. Entschei­dend war nicht das einzelne Projekt, sondern die Fähig­keit, bestehende städ­ti­sche Infra­struk­turen kurz­fristig umzu­nutzen und funk­tional neu zu denken.

Weiter­ent­wick­lung des Karls­ruher Kronen­platzes zu einem belebten Stadt­raum

Diese Logik wurde unter anderem am Karls­ruher Kronen­platz lang­fristig weiter­ent­wi­ckelt. Das ehema­ligen Bank­ge­bäude wurde bereits ab den 2000er-Jahren als Insti­tuts­ge­bäude genutzt, blieb jedoch funk­tional nach innen orien­tiert. Mit dem Trans­fer­zen­trums TRIANGEL in der Erdge­schoss­zone wurde das Gebäude ab 2019 neu ausge­richtet und zu einem zentralen Baustein der Vernet­zung von Hoch­schule, Stadt und Wirt­schaft weiter­ent­wi­ckelt.

Flexibel schalt­bare Innen­räume ermög­li­chen seither unter­schied­liche Formate. Tags­über dient das Gebäude als Lernort, abends als Veran­stal­tungsort. Ein Café mit externem Betreiber sorgt für eine konti­nu­ier­liche Öffnung über den Hoch­schul­be­trieb hinaus und bindet auch die Außen­flä­chen ein. In der Folge wandelte sich der zuvor kaum genutzte Platz zu einem belebten Stadt­raum. Über Veran­stal­tungen, Lern­an­ge­bote im Freien und neue Aufent­halts­qua­li­täten entstand die soziale Dichte, die Vernet­zung erst ermög­licht.

Auch das Projekt Komorebi macht die Vernet­zung von Stadt und Hoch­schule am Kronen­platz sichtbar. Der weit­ge­hend unbe­schat­tete Platz heizt sich im Sommer stark auf und verliert dadurch an Aufent­halts­qua­lität. Gemeinsam mit der Stadt Karls­ruhe entwi­ckelte das Karls­ruher Institut für Tech­no­logie mobile Schat­ten­sys­teme, die flexibel einge­setzt werden.

Die Hoch­schule als Akteur der Stadt­ent­wick­lung: das Beispiel Siegen

Wie sich Campus- und Stadt­ent­wick­lung auch struk­tu­rell verzahnen lassen, zeigte das Beispiel der Stadt Siegen. Nach den Zerstö­rungen des Zweiten Welt­kriegs wurde die Siegener Innen­stadt nach den Leit­bil­dern der auto­ge­rechten Stadt wieder­auf­ge­baut. Die Univer­sität entstand später außer­halb des Zentrums und blieb lange räum­lich und funk­tional von der Stadt getrennt. Ab den späten 1990er Jahren führten struk­tu­relle Verän­de­rungen im Einzel­handel, insbe­son­dere die Ansied­lung großer Einkaufs­zen­tren in Bahn­hofs­nähe, zu einem schritt­weisen Bedeu­tungs­ver­lust der Innen­stadt. Zuneh­mende Leer­stände prägten das Bild, darunter auch zentrale öffent­liche Gebäude.

Vor diesem Hinter­grund wurden in einem lang­fristig ange­legten, inte­gralen Prozess leer­ste­hende Bestands­ge­bäude schritt­weise für hoch­schu­li­sche Zwecke akti­viert. Die rheform beglei­tete diesen Prozess mit Stand­ort­ent­wick­lungs­pla­nungen, Gebäu­de­kon­zepten und Raum­pro­grammen. Durch die gezielte Bünde­lung von Hoch­schul­nut­zungen in der Innen­stadt entstanden neue Verbin­dungen zwischen Wissen­schaft, Stadt­ge­sell­schaft und Wirt­schaft. Die Hoch­schule wurde zum aktiven Akteur der Stadt­ent­wick­lung. Die Innen­stadt gewann an Nutzung, Frequenz und Aufent­halts­qua­lität.

Von der Analyse zum Work­shop

Der anschlie­ßende Work­shop fand neben dem Haupt­ver­an­stal­tungsort Geor­gi­anum in der Hohen Schule statt. Dieses Gebäude aus dem 15. Jahr­hun­dert wird die KU Eich­stätt-Ingol­stadt nach einer umfas­sender Sanie­rung als Standort nutzen. Rund 60 Teil­neh­mende beschäf­tigten sich mit der Frage, wie der Zukunfts­campus insge­samt zu einem offenen Zentrum der Innen­stadt werden kann. Das rotie­rende Format mit Wech­seln im Vier­tel­stun­den­takt sorgte für hohe Dynamik und inten­sive Diskus­sionen. Die Teil­neh­menden waren einge­laden, eigene Ideen einzu­bringen und Visionen für den Zukunfts­campus Ingol­stadt zu entwi­ckeln.

Gemeinsam mit Dr. Vero­nika Hecht von der KU mode­rierte Rochus Wiedemer den Themen­tisch „Campus vernetzen – Stadt­räume akti­vieren“. Beide führten als Gast­geber die Diskus­sion entlang zentraler Fragen der Campus- und Innen­stadt­ent­wick­lung. Mit Lage­plänen und Markern arbei­teten die Teil­neh­menden intensiv an Wege­ver­bin­dungen zwischen Zukunfts­campus und weiteren Hoch­schul- und Forschungs­stand­orten, an Mobi­li­täts­fragen, Leer­stands­po­ten­zialen und mögli­chen komple­men­tären Nutzungen. Die Diskus­sion entwi­ckelte schnell eine hohe Dynamik und war geprägt von großer Offen­heit und fach­li­cher Tiefe.

Dabei wurde deut­lich, dass weniger die Wege selbst als viel­mehr die Attrak­ti­vität der Ziel­orte im Mittel­punkt standen. Wo Nutzungs­mi­schung, Aufent­halts­qua­lität und konkrete Anlässe entstehen, entwi­ckeln sich Verbin­dungen fast von selbst. Auffällig war, wie häufig die Teil­neh­menden den Leer­stand von Einzel­han­dels­flä­chen und das Thema Wohnen in der Innen­stadt anspra­chen. Immer wieder ging es dabei um Wohn­raum für Studie­rende und Fami­lien als Voraus­set­zung für leben­dige, durch­mischte Stadt­quar­tiere. Die Ingol­städter Innen­stadt wurde darüber hinaus von vielen Teil­neh­menden als zuneh­mend mono­funk­tional wahr­ge­nommen. Umso größer war das Inter­esse, Orte neu zu beleben und zugäng­lich zu machen, etwa durch Umnut­zungen, tempo­räre Ange­bote, neue Frei­raum­nut­zungen oder Maßnahmen wie Verschat­tung und Aufent­halts­qua­li­täten im öffent­li­chen Raum.

Gleich­zeitig äußerten die Teil­neh­menden auch Unsi­cher­heiten. Immer wieder stellten sie die Frage, wie sich ambi­tio­nierte Entwick­lungs­ziele unter knapper werdenden finan­zi­ellen Rahmen­be­din­gungen reali­sieren lassen. Gerade hier beein­druckte Rochus Wiedemer die Qualität des Austauschs: „Am Themen­tisch wurde deut­lich, wie viel Wissen, Erfah­rung und Gestal­tungs­wille bereits in der Stadt­ge­sell­schaft vorhanden ist. Solche Formate helfen sehr, um Perspek­tiven zusam­men­zu­führen, Prio­ri­täten zu klären und Hand­lungs­spiel­räume sichtbar zu machen, noch bevor formale Entschei­dungen getroffen werden.“

Inte­grale Entwick­lung als gemein­samer Prozess

Das Future Festival 2025 machte deut­lich, dass Campus­ent­wick­lung dann beson­ders trag­fähig wird, wenn sie als inte­graler Bestand­teil der Stadt­ent­wick­lung verstanden und gemeinsam gestaltet wird. In der Verbin­dung aus Denken, Dialog und Umset­zung liegt die Stärke inte­graler Entwick­lungs­pro­zesse.

Für die rheform bildet dieser Ansatz den Kern der Arbeit. Campus- und Stand­ort­ent­wick­lung versteht das Unter­nehmen als struk­tu­rierten, lang­fris­tigen Prozess, der Betei­li­gung ernst nimmt, Hand­lungs­spiel­räume sichtbar macht und Visionen in reali­sier­bare Entwick­lungs­pfade über­setzt. Das Future Festival in Ingol­stadt bot dafür einen über­zeu­genden Rahmen.

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